Viel ist die Rede davon, was für Folgen eine Niederlage der Ukraine für das Land und für Europa hätte. Aber was würde ein Sieg für die russische Gesellschaft bedeuten?

Bild von einer KI erstellt

Eine Kolumne von Alice Bota – Quelle: Die Morgenkolumne von DIE ZEIT

Ein siegreiches Russland wäre eine Katastrophe für die Ukraine und die Europäer, ja, für die gesamte Weltordnung. Denn die wäre fortan geprägt von der Einsicht: Mit Gewalt und nuklearen Drohungen kann ein Staat seine Ziele erreichen, so blutrünstig sie auch sein mögen.

Wenn Russland den Krieg gewinnt, dann wäre das aber auch eine Katastrophe für die russische Gesellschaft.

Russland kann den Krieg womöglich für sich entscheiden – nicht etwa aus eigener Kraft, die russische Armee kommt kaum voran, sondern mithilfe seines amerikanischen Freundes Steve Witkoff, der bei den Verhandlungen ein offenes Ohr für die russischen Forderungen hat. Eine für die Ukraine inakzeptable ist: Der Teil des Donbass, der noch immer unter ukrainischer Kontrolle steht, soll zu Russland gehören. Sollte die russische Seite sich in diesem Punkt durchsetzen, dann wird sie ihren Krieg daheim als Sieg verkaufen. Und dann?

Eine russische Gesellschaft, die sich nach Jahren des Tötens und Sterbens in der Ukraine als Sieger feiert, wird totalitär bleiben. Putins Krieg wird schon jetzt von Repressionen flankiert. Das Reden über den Krieg? Strafbar. Die unabhängigen Medien? Außer Landes. Die Zivilgesellschaft? Geflohen oder im Verborgenen wirkend. Die digitale Welt? Vom Staat kontrolliert; Facebook, WhatsApp nun auch Telegram werden geblockt; Max heißt die App, mit der das Regime bis in die Familie hinein herrschen will.

Als ich in Moskau gelebt habe, haben wir über die Versuche der Medienaufsichtsbehörde gelacht, Telegram zu sperren – selbst im Kreml nutzte man den Messengerdienst einfach weiter. Heute lacht niemand mehr. Der Staat kann einfach das Internet ausschalten. Ein Gesetz, das Wladimir Putin gerade erst unterzeichnet hat, erlaubt es dem Geheimdienst FSB, Menschen ohne Gerichtsurteil offline zu setzen.

Die Maschine muss am Laufen gehalten werden

Eine russische Gesellschaft, die sich als Sieger sieht, wird kriegslüstern bleiben. Die zivile Wirtschaft ist ruiniert, sie ist derart auf den Krieg eingestellt, dass es schon ökonomisch fast zwangsläufig ist, weiter Krieg zu führen. Die Maschine muss schließlich am Laufen gehalten werden, die Fabriken weiterproduzieren.

Eine russische Gesellschaft, die sich als Sieger sieht, wird weiter verrohen. Als ich in Moskau arbeitete, traf ich auf Aktivistinnen wie Aljona Popowa, die unerschrocken darum kämpften, dass Gewalt zuhause kein Kavaliersdelikt ist, sondern eine Straftat – doch in über 30 Jahren hat es Russland nicht vermocht, ein Gesetz über häusliche Gewalt zu verabschieden. Immerhin: Die Fortschritte von Frauen wie Popowa waren klein, aber sie waren spürbar. Weil Fälle von Frauen, die von ihren Partnern totgeschlagen wurden, nicht mehr ignoriert wurden.

Eine „Epidemie der Gewalt“

Nach dem Kriegsbeginn aber sprach Popowa früh von einer „Epidemie der Gewalt“. Sie sollte recht behalten. Die Männer kehren aus einem Krieg heim, in dem Verbrechen Teil der Kriegsführung sind. Je länger der Krieg dauert, desto mehr häufen sich die Berichte über ukrainische Kriegsgefangene, denen die Ohren oder Genitalien abgeschnitten werden.

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Ein siegreiches Russland wird moralisch auf Generationen verloren sein

Fast alle Soldaten, die irgendwann ausgetauscht werden, wissen von Folter zu berichten. Seine Schlächter von Butscha zeichnete Putin persönlich aus. Nicht trotz der Vergewaltigungen und Hinrichtungen von Zivilisten, sondern wegen ihnen. Auch gegen die eigenen Leute richtet sich die Gewalt: Wer nicht gehorcht, muss mit Folter und Vergewaltigung rechnen.

„Was beschwerst du dich, dumme Gans?“

Wieder zurück, führen die Heimkehrer weiter Krieg. In einem Interview mit der FAZ sagte Aljona Popowa schon vor drei Jahren: „Es kehren traumatisierte Leute zurück. Mit ihnen müsste man arbeiten. Das geschieht nicht. Wenn das Opfer eines solchen Schlägers Anzeige erstattet, wird es vielmehr heißen: „Was beschwerst du dich, dumme Gans? Scher dich weg mit deiner Anzeige, freu dich, dass du einen richtigen Kerl zu Hause hast, einen echten Helden, einen wahrhaften Bürger Russlands.“

Im Januar verzeichnete Russland eine Viertelmillion Veteranen, die von der Front nach Russland zurückgekehrt sind und nun arbeitslos sind. Seit 2022, so berichtet es das russische Exil-Medium Nowaja Gaseta Europa, seien 8000 Teilnehmer am Krieg in der Ukraine für zivile Straftaten verurteilt worden, viele von ihnen waren zuvor ausgezeichnet worden. 900 Rückkehrer begingen schwerste Straftaten; 423 der Opfer starben, 52 von ihnen durch häusliche Gewalt: Kinder, Mütter, Omas und Schwestern.

Eine russische Gesellschaft, die sich als Sieger sieht, wird aus ihrer Sicht keine Schuld zu verarbeiten haben. Sie wird sich ihren Verbrechen nicht stellen und der Verantwortung, die es an diesem Leid in der Ukraine trägt. Damit ist sie moralisch auf Generationen verloren.

„Seht her! Wir sind wer!“

Wer durch Moskau flaniert, sieht Monumente und Helden, aber so gut wie keine Erinnerungen an die Opfer und das Leid, das diese Gesellschaft in der Vergangenheit erlitten hat. An keinem Tag wird das deutlicher als am 9. Mai. Dann lässt Russland seine Panzer und Raketen auffahren, Kampfflieger donnern über die Köpfe auf dem Roten Platz hinweg. Allmacht und Potenz werden vorgeführt, nichts von dem Schmerz und der Trauer über die Millionen verlorene Leben. Seht her! Wir sind wer!

Stalin wusste zu gut, warum er die Siegesparade nur einmal stattfinden ließ, nämlich kurz nach Kriegsende. Die entstellten und versehrten Veteranen ohne Beine und Arme waren nicht das Bild, das die heroische Sowjetunion von sich zeigen wollte. Darin ähnelt das Russlands Putins der Sowjetunion. Doch einen Unterschied gibt es: Die Menschen in der Sowjetunion überlebten in der Diktatur und Millionen endeten im Gulag, aber sie hatten auf der richtigen Seite der Geschichte gestanden, als sie schließlich mit den Alliierten Hitler besiegten. Putins Russland hat nicht einmal das.

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