Deutsches Dorfleben als politisches Laboratorium

Juli Zehs „Unterleuten“ (2016) ist weit mehr als ein Dorfkrimi – es ist eine messerscharfe Gesellschaftsanalyse im Gewand eines Pageturners. Der Roman spielt in dem fiktiven brandenburgischen Dorf Unterleuten, wo der Plan, eine Windkraftanlage zu errichten, alte Konflikte aufbrechen lässt und neue Fronten schafft. Was als Auseinandersetzung um Ökologie und Profit beginnt, entwickelt sich zu einem vielschichtigen Panorama deutscher Befindlichkeiten.

Zehs große Stärke liegt in der Figurenzeichnung. Sie erschafft ein Ensemble von Dorfbewohnern, das wie ein soziales Querschnittsmodell funktioniert: der Alt-68er-Ökobauer, die pragmatische Ex-LPG-Chefin, der Investmentbanker auf der Suche nach Landleben, der rechte Vogelschützer, die überforderte junge Mutter. Jede Figur ist psychologisch präzise gezeichnet, mit nachvollziehbaren Motiven ausgestattet – und doch zutiefst verstrickt in Egoismen, Vorurteilen und Selbsttäuschungen.

Der Roman wechselt geschickt zwischen den Perspektiven und zeigt, wie dieselben Ereignisse völlig unterschiedlich wahrgenommen werden. Niemand ist hier der eindeutige Held oder Bösewicht. Die vermeintlich Guten entpuppen sich als manipulativ, die Unsympathischen haben nachvollziehbare Gründe für ihr Handeln. Diese moralische Ambivalenz macht „Unterleuten“ so erhellend: Zeh zeigt, wie kompliziert demokratische Entscheidungsprozesse sind und wie schnell Ideale an Eigeninteressen scheitern.

Besonders gelungen ist die Auseinandersetzung mit Ost-West-Themen. Zeh vermeidet Klischees, zeigt aber dennoch die unterschiedlichen Sozialisationen und die Narben der Geschichte, die auch 25 Jahre nach der Wende noch wirken. Die DDR-Vergangenheit einzelner Figuren spielt dabei eine entscheidende, oft verhängnisvolle Rolle.

Stilistisch ist der Roman zugänglich und spannend erzählt, fast fernsehtauglich – was auch geschah, die Verfilmung folgte prompt. Manche Kritiker werfen Zeh vor, zu glatt zu schreiben, zu sehr auf Effekt bedacht zu sein. Doch gerade diese Lesbarkeit ist auch eine Stärke: Sie macht komplexe politische und soziale Fragen einem breiten Publikum zugänglich.

Einzige Schwäche: Gegen Ende wird die Handlung etwas konstruiert, einzelne dramatische Wendungen wirken zu sehr auf Zuspitzung angelegt. Und manchmal hat man das Gefühl, Zeh will zu viele Themen gleichzeitig verhandeln – Ökologie, Kapitalismus, Ost-West, rechte Tendenzen, Generationenkonflikte.

Dennoch: „Unterleuten“ ist ein kluger, unterhaltsamer Gegenwartsroman, der zeigt, dass sich politische Literatur und Lesevergnügen nicht ausschließen müssen. Ein Buch, das zum Nachdenken anregt, ohne belehrend zu wirken.

Der große Gesellschaftsroman von Juli Zeh

Manchmal kann die Idylle auch die Hölle sein. Wie das Dorf “Unterleuten” irgendwo in Brandenburg. Wer nur einen flüchtigen Blick auf das Dorf wirft, ist bezaubert von den altertümlichen Namen der Nachbargemeinden, von den schrulligen Originalen, die den Ort nach der Wende prägen, von der unberührten Natur mit den seltenen Vogelarten, von den kleinen Häusern, die sich Stadtflüchtlinge aus Berlin gerne kaufen, um sich den Traum von einem unschuldigen und unverdorbenen Leben außerhalb der Hauptstadthektik zu erfüllen. Doch als eine Investmentfirma einen Windpark in unmittelbarer Nähe der Ortschaft errichten will, brechen Streitigkeiten wieder auf, die lange Zeit unterdrückt wurden. Denn da ist nicht nur der Gegensatz zwischen den neu zugezogenen Berliner Aussteigern, die mit großstädtischer Selbstgerechtigkeit und Arroganz und wenig Sensibilität in sämtliche Fettnäpfchen der Provinz treten. Da ist auch der nach wie vor untergründig schwelende Konflikt zwischen Wendegewinnern und Wendeverlierern. Kein Wunder, dass im Dorf schon bald die Hölle los ist … Mit „Unterleuten“ hat Juli Zeh einen großen Gesellschaftsroman über die wichtigen Fragen unserer Zeit geschrieben, der sich hochspannend wie ein Thriller liest. Gibt es im 21. Jahrhundert noch eine Moral jenseits des Eigeninteresses? Woran glauben wir? Und wie kommt es, dass immer alle nur das Beste wollen, und am Ende trotzdem Schreckliches passiert?

Mehr dazu unter:

https://www.unterleuten.de

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