Ein Leben, das ein Jahrhundert trägt

Es gibt Bücher, die man nach dem Lesen nicht einfach zuklappt und ins Regal stellt. Annett Gröschners Roman Schwebende Lasten ist eines davon.

Im Mittelpunkt steht Hanna Krause, 1913 in Magdeburg geboren, gelernte Blumenbinderin, spätere Kranführerin, Mutter von sechs Kindern, Überlebende zweier Weltkriege und zweier Diktaturen. Das klingt nach dem Stoff eines Geschichtslehrbuchs — doch Gröschner macht daraus etwas ganz anderes: einen Roman von schlichter, fast atemloser Lebendigkeit.

Was die Autorin auszeichnet, ist ihre Fähigkeit, das große Weltgeschehen konsequent durch den Blick einer ganz gewöhnlichen Frau zu erzählen, ohne diese Gewöhnlichkeit je zu unterschätzen. Hanna ist keine Heldin im klassischen Sinne, aber sie hält durch — mit einem einzigen, stillen Credo: anständig bleiben. Dieses Leitmotiv, so unauffällig gesetzt, entwickelt über die Seiten eine erstaunliche moralische Schwerkraft.

Besonders beeindruckend ist Gröschners Sprache: nüchtern, präzise, manchmal fast lakonisch — und gerade deshalb so treffsicher. Sie psychologisiert nicht, sie erklärt nicht, sie zeigt. Ein Detail, ein Geruch, eine Handbewegung, und plötzlich sieht man Hanna leibhaftig vor sich, wie sie auf ihrem Kran zehn Meter über der Werkshalle sitzt und auf die Menschen unter ihr schaut. Der Titel, der Sprache des Arbeitsschutzes entlehnt, entfaltet so eine doppelte Bedeutung: die tonnenschweren Lasten am Kranhaken, und all das Unsagbare, das Hanna ein Leben lang mit sich trägt.

Jedem Kapitel stellt Gröschner die botanische Beschreibung einer Pflanze voran — eine Geste, die zunächst unscheinbar wirkt, aber das ganze Buch leise durchzieht wie ein Blumenstrauß, der niemals ganz verwelkt. Es ist das Kunsthandwerk der Floristin Hanna, das auch in der Struktur des Romans weiterlebt.

Schwebende Lasten ist lebendige Geschichtsschreibung im besten Sinne — kein Epochenpanorama, sondern das genaue Porträt eines Lebens, das stellvertretend für viele steht, die das 20. Jahrhundert still und ohne Denkmal durchgehalten haben. Ein großartiger Roman.

Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2025 – Shortlist Evangelischer Buchpreis 2026

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