Monumentales Panorama eines deutschen Jahrhunderts
Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2025 – Shortlist Evangelischer Buchpreis 2026

Annett Gröschners „Schwebende Lasten“ (2022) ist ein literarisches Großprojekt, das sich an nichts Geringerem versucht als an einer Chronik des 20. Jahrhunderts aus der Perspektive der Vergessenen. Im Zentrum steht ein Berliner Mietshaus in der Prenzlauer Berg-Gegend, dessen wechselnde Bewohner von 1908 bis in die Nachwendezeit hinein porträtiert werden.
Gröschner erzählt in kurzen, präzisen Kapiteln, die wie Miniaturen wirken und doch ein gewaltiges Panorama ergeben. Jedes Kapitel widmet sich einer anderen Figur, einem anderen Jahr, einer anderen historischen Konstellation. Da sind die Dienstmädchen der Kaiserzeit, die Kriegswitwen, die NS-Opfer, die SED-Funktionäre, die Punks der 1980er Jahre. Das Haus wird zum Mikrokosmos deutscher Geschichte – mit all ihren Brüchen, Katastrophen und kleinen Momenten des Überlebens.
Die Stärke des Romans liegt in seiner dokumentarischen Genauigkeit gepaart mit literarischer Sensibilität. Gröschner hat offensichtlich intensiv recherchiert, ihre Figuren sind historisch glaubwürdig verankert, ohne zu historischen Klischees zu werden. Besonders beeindruckend gelingt ihr die Darstellung der Frauen, deren Geschichten so oft zwischen den großen Erzählungen verschwinden. Hier bekommen Wäscherinnen, Näherinnen, alleinerziehende Mütter ihre Stimme zurück.
Stilistisch wählt Gröschner bewusst eine nüchterne, fast protokollarische Sprache. Das mag manchmal distanziert wirken, erzeugt aber auch eine besondere Intensität: Die Fakten sprechen für sich, die Schicksale brauchen keine sentimentale Aufladung. Die „schwebenden Lasten“ des Titels – sowohl die Baukräne als auch die Last der Geschichte – durchziehen das Buch als poetisches Leitmotiv.
Allerdings fordert das Buch einiges von seinen Lesern. Die Vielzahl der Figuren, die Sprünge in Zeit und Perspektive, die manchmal bewusst fragmentarische Erzählweise – das alles verlangt Konzentration und Geduld. Wer sich darauf einlässt, wird jedoch reich belohnt.
„Schwebende Lasten“ ist ein wichtiges, ambitioniertes Werk, das zeigt, wie Literatur Geschichte von unten erzählen kann. Gröschner hat ein beeindruckendes Denkmal für die Namenlosen geschaffen.
Von Annett Gröschner. „Nicht weniger als ein ganzes Leben erzählt Annett Gröschner mit der Geschichte der Blumenbinderin und Kranfahrerin Hanna Krause – mit einer Wucht und Poesie, wie sie nur dort entstehen können, wo die Literatur wirklichkeitssatt ist.
Hanna Krause war Blumenbinderin, bevor das Leben sie zur Kranführerin machte. Sie hat zwei Revolutionen, zwei Diktaturen, einen Aufstand, zwei Weltkriege und zwei Niederlagen, zwei Demokratien, den Kaiser und andere Führer, gute und schlechte Zeiten erlebt, hat sechs Kinder geboren und zwei davon nicht begraben können, was ihr naheging bis zum Lebensende. Hatte später, nachdem ihr Blumenladen längst Geschichte war, von einem Kran in der Halle eines Schwermaschinenbaubetriebes in Magdeburg einen guten Überblick auf die Beziehungen der Menschen zehn Meter unter ihr und starb rechtzeitig, bevor sie die Welt nicht mehr verstand. Hanna Krause blieb bis zu ihrem Tod eine, die das Leben nimmt, wie es kommt. Ihr einziges Credo: anständig bleiben. Annett Gröschners Roman erzählt die Geschichte eines Jahrhunderts in einem einzigen Leben und gibt, mit Hanna, denen ein Gesicht, die zu oft unsichtbar bleiben. Ein Roman über das Ende des Industriezeitalters und seiner Heldinnen im Osten Deutschlands – und über eine gewöhnliche Frau in diesem unfassbaren 20. Jahrhundert.“