Ein verhindertes Meisterwerk der DDR-Literatur

Werner Bräunigs „Rummelplatz“ ist ein literarischer Sonderfall: ein Roman, der die DDR-Kulturpolitik in ihren Grundfesten erschütterte, bevor er überhaupt fertiggestellt war. Erst 2007, Jahrzehnte nach Bräunigs Tod, erschien das Fragment vollständig – und offenbarte, welch bedeutendes Werk die SED-Zensur damals verhindert hatte.

Der Roman spielt in den frühen 1960er Jahren im Uranbergbaugebiet der Wismut und erzählt von jungen Menschen, die mit Enthusiasmus und Hoffnung in die neuen sozialistischen Städte kommen. Doch statt der versprochenen strahlenden Zukunft finden sie Chaos, Improvisation, Alkohol, käuflichen Sex und eine Kluft zwischen Propaganda und Realität. Der Titel „Rummelplatz“ ist programmatisch: Die sozialistische Aufbaustätte wird zur schrillen, desillusionierenden Jahrmarktkulisse.

Bräunigs Sprache ist das eigentliche Ereignis dieses Romans. Er schreibt mit einer sinnlichen, manchmal rauen Kraft, die an westliche Autoren wie Grass oder Böll erinnert, dabei aber einen ganz eigenen Ton findet. Seine Figuren sind keine ideologischen Schablonen, sondern lebendige, widersprüchliche Menschen mit Sehnsüchten, Schwächen und echten Konflikten. Die erotischen Passagen, die 1965 zum Skandal führten, wirken heute nicht schockierend, sondern ehrlich und menschlich.

Besonders bemerkenswert ist Bräunigs kritischer, aber nicht feindseliger Blick auf die DDR. Er zeigt Missstände, ohne das sozialistische Projekt grundsätzlich zu verwerfen – was die Wut der Funktionäre umso unverständlicher macht. Der Roman hätte eine Literatur der kritischen Solidarität begründen können, wenn man ihn gelassen hätte.

Das Fragmentarische ist zugleich Stärke und Schwäche des Werks. Man spürt, dass hier etwas Größeres angelegt war, das nie vollendet werden konnte. Manche Handlungsstränge bleiben offen, der Schluss fehlt. Dennoch – oder gerade deshalb – ist „Rummelplatz“ ein faszinierendes literarisches Dokument.

Ein wichtiger Roman, der zeigt, welche literarischen Möglichkeiten die DDR-Zensur erstickt hat. Bräunig verdient seinen Platz in der deutschen Literaturgeschichte.

Meine Empfehlung:

https://www.mdr.de/kultur/videos-und-audios/audiothek/ddr-kahlschlagplenum-gegen-kultur-walter-ulbricht-100.html

MDR KULTUR – Das RadioDi 09.12.202520:00Uhr 59:57 min

Infos zur Sendung

Link des Audios

„Ist es denn wirklich so, dass wir jeden Dreck, der vom Westen kommt, kopieren müssen? Ich denke, Genossen, mit der Monotonie, mit dem Yeah, Yeah, Yeah und wie das alles heißt, sollte man doch Schluss machen“, so der erste Mann der SED, Walter Ulbricht, am 18. Dezember 1965.

Heute ist man geneigt, darüber zu lachen. Doch damals war das alles andere als lustig. Walter Ulbricht gab diese Sätze auf dem berühmt-berüchtigten 11. Plenum des ZK der SED von sich. Besser bekannt als „Kahlschlagplenum“.  Damals ging die SED-Führung gegen die Kulturschaffenden vor, die sich kritisch mit dem Leben in der DDR auseinandergesetzt hatten. Das betraf Filmemacher wie Kurt Mätzig und Schriftsteller wie Stefan Heym, Werner Bräunig und Wolf Biermann. Es betraf aber auch dutzende Bands, die sich dem Beat verschrieben hatten. Reihenweise hagelte es Verbote. Was waren die Gründe und Hintergründe für dieses Strafgericht? Wie lief es ab? Und was waren die Folgen für die Kultur in der DDR?

Das besprechen MDR KULTUR-Redakteur Stefan Nölke und der Berliner Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk anhand von spannenden und aufschlussreichen Tondokumenten vom sogenannten Kahlschlagplenum.


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