Jüdisches Leben in Deutschland ist gefährdet – und wir schauen weg

Vor jüdischen Schulen und Kindergärten stehen Polizisten mit Maschinenpistolen. Das ist im Deutschland des Jahres 2026 keine Ausnahme mehr – es ist Alltag. Kinder wissen, auch wenn sie es nicht benennen können, was es bedeutet, wenn bewaffnete Polizei vor ihrer Schule steht: Jemand will mir weh tun. So wachsen jüdische Kinder in diesem Land auf. In dritter Generation. Das sollte uns nicht kalt lassen – und doch scheint es das bei vielen zu tun.

Die Judenfeindlichkeit in Deutschland kommt heute aus drei Richtungen gleichzeitig. Da ist erstens der rechtsextreme Antisemitismus, der in diesem Land keine Pause gemacht hat – nicht nach 1945, nicht danach. Er ist das historische Fundament, auf dem alles andere aufbaut. Hinzugekommen ist ein radikalisierter Teil junger Muslime, der sich spätestens seit dem 7. Oktober 2023 zunehmend offen und gewaltsam zeigt. Und dann ist da ein Linksextremismus, der sich mit diesem Milieu verbündet hat – unter dem Banner des Antiimperialismus, aber mit antisemitischem Ergebnis. Diese drei Strömungen ergänzen sich mittlerweile. Das ist keine Übertreibung, das ist Beobachtung.

Was mich dabei genauso erschüttert wie die Angriffe selbst, ist das Schweigen drumherum. Professoren, die nicht einschreiten, wenn jüdische Studierende an Berliner Universitäten angepöbelt werden. Lehrer, die auf dem Schulhof wegsehen. Menschen in Familien und Kneipen, die lieber schweigen, als unbequem zu werden. Dieses Schweigen ist kein Zufall – es ist ein Versagen. Und es macht das Sicherheitsnetz, auf das jüdische Menschen angewiesen wären, dünn bis zur Bedeutungslosigkeit.

Zur Debatte, was man sagen darf: In Deutschland gilt nicht amerikanische Redefreiheit, sondern Meinungsfreiheit mit gesetzlichen Grenzen – und diese Grenzen gelten für alle Themen gleichermaßen, unabhängig vom politischen Vorzeichen. Israel zu kritisieren ist möglich und legitim. Was ich aber nicht akzeptiere, ist die Doppelmoral, die sich in dieser Debatte eingenistet hat. Jüdische Menschen müssen permanent einen Freischein vorweisen: „Ich bin gegen Netanyahu“, „Ich distanziere mich von der israelischen Regierung.“ Niemand hingegen verlangt von Muslimen oder Arabern, sich öffentlich von der Hamas zu distanzieren, bevor ihre Meinung gehört wird. Diese Asymmetrie ist kein Versehen. Sie ist Ausdruck eines Antisemitismus, der sich selbst nicht als solchen erkennt.

Und noch eine Grenze, die ich für unüberschreitbar halte: Israel mit Nazideutschland zu vergleichen. Israel ist eine Demokratie – die einzige im Nahen Osten. Eine Demokratie, in der selbst mitten im Krieg täglich Hunderttausende gegen die eigene Regierung demonstrieren. Das anzuerkennen bedeutet keine Billigung jeder israelischen Entscheidung. Es bedeutet nur ein Minimum an Redlichkeit.

Deutschland hat nach 1945 ein Versprechen gegeben: Nie wieder. Jüdisches Leben soll hier sicher sein, die Würde des Menschen unantastbar. Im Jahr 2026 ist dieses Versprechen in weiten Teilen gebrochen. Wer das bestreitet, muss erklären, warum vor Kindergärten Polizisten mit Maschinenpistolen stehen.

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