Die fehlende Abwehr gegen russische ballistische Raketen ist längst keine technische Randnotiz mehr, sondern die entscheidende Schwachstelle im ukrainischen Verteidigungssystem. Während die Ukraine bei Drohnen und Marschflugkörpern beachtliche Abfangraten erzielt hat, bleiben ballistische Raketen – schnell, schwer vorhersehbar, kaum abzufangen – die Waffe, gegen die es kaum wirksamen Schutz gibt. Putin weiß das genau, und er nutzt es systematisch aus.
Die Bilder der vergangenen Wochen sprechen eine deutliche Sprache: Anfang August wurde Kiew erneut mit ballistischen Raketen angegriffen, mit Toten und Verletzten mitten in der Hauptstadt – zu einem Zeitpunkt, an dem Kiew in Washington um die Erlaubnis ringt, Patriot-Abwehrsysteme künftig selbst produzieren zu dürfen. Dass eine solche Anfrage überhaupt nötig ist, zeigt, wie sehr sich die Ukraine auf westliche Zulieferung verlässt – und wie verwundbar sie dadurch wird, sobald diese Zulieferung stockt oder politisch zum Zögern neigt.
Das ist kein Zufall, sondern Kalkül. Wenn militärische Frontverschiebungen ausbleiben oder nur mühsam gelingen, verlagert sich der Druck auf die Zivilbevölkerung. Terror gegen Städte, gegen Wohnhäuser, gegen Energieinfrastruktur wird zum Ersatz für fehlenden militärischen Fortschritt. Es ist eine Strategie der Zermürbung, die auf Erschöpfung setzt – auf ukrainischer wie auf europäischer Seite.
Doch so brutal diese Logik ist, so wenig wird sie den Kriegsausgang zugunsten Russlands verändern. Kein Regime hat einen Krieg allein durch das Bombardieren von Zivilisten gewonnen; solche Kampagnen erzeugen Leid, aber keine Kapitulation. Was sie aber sehr wohl bewirken: eine moralische Erosion des Zuschauens. Jeder Tag, an dem europäische Regierungen zusehen, ohne die Luftverteidigungslücke entschlossen zu schließen, ist ein Tag, an dem ziviles Sterben in Kauf genommen wird – nicht aus militärischer Notwendigkeit, sondern aus politischem Zögern.
Europa verfügt über die industriellen und finanziellen Mittel, um Luftverteidigungssysteme in ausreichender Zahl bereitzustellen oder ihre Produktion – auch in der Ukraine selbst – zu ermöglichen. Was fehlt, ist nicht die Kapazität, sondern der politische Wille zur Entschlossenheit. Genau hier muss die Debatte ansetzen: nicht bei der Frage, ob man helfen kann, sondern bei der Frage, warum man es nicht mit der gebotenen Priorität tut.
Die fortgesetzte Tötung von Zivilisten ist kein abstraktes Kriegsgeschehen am Rand Europas. Sie ist ein Test dafür, ob Europa bereit ist, seine eigenen Werte auch dann zu verteidigen, wenn es unbequem, teuer und mühsam wird. Wer diesen Test besteht, schützt nicht nur ukrainische Leben – er verteidigt auch die Glaubwürdigkeit europäischer Sicherheitspolitik insgesamt.

Ergänzung:
Nordkorea hat seit 2022 rund 22 Mrd. USD mit Waffenlieferungen an Russland verdient – fast 4x mehr als in den vier Jahren zuvor. Kim finanziert damit ein Atomwaffenprogramm, das laut Bloomberg Frankreichs Arsenal einholen soll, plus neue Zerstörer und Drohnenkooperation mit Moskau. Wer Putins Krieg laufen lässt, finanziert im Vorbeigehen die nächste nukleare Krise in Ostasien.
